Matz´ erste Fahrt – eine gestrichene Szene

Gepostet am 6. Februar 2018 | Keine Kommentare

Diese Szene habe ich auf Empfehlung meiner Lektorin aus dem Manuskript zu „Die Fallstricke des Teufels“ gestrichen, da sie für der Handlung nicht unbedingt wichtig war. Außerdem passte sie mit ihrer Erzählperspektive nicht recht zu den übrigen Szenen, die ja allesamt entweder aus der Sicht Sophias oder Schumanns erzählt sind.

Da ich sie jedoch auch in Teil 2 „Die Handschrift des Teufels“ nicht verwendet habe, sie aber trotzdem gelungen finde, stelle ich sie nun hier interessierten Lesern zur Verfügung. Wer „Die Fallstricke des Teufels“ gelesen hat, wird sicher ahnen, um wessen Schicksal es hier in Wahrheit geht…

 

Vorbemerkung: Im Elbtal zwischen Königstein und Dresden war das nächtliche Schmuggeln (Paschen) illegal geschlagenen Holzes im 16.Jahrhundert keine Seltenheit.

 

Matz´ erste Fahrt

Die Herbstnacht auf dem Fluss war kalt und feucht. Matz fror in seinem dünnen Kittel. Er saß hinten auf dem schmalen Floß, das sein Vater und sein Onkel in der Dunkelheit rasch zusammengezimmert hatten. Es musste schnell gehen, damit sie niemand erwischte. Der Junge hatte gesehen, dass die beiden Männer das schon öfter gemacht hatten, jeder Handgriff saß. Zuvor hatten sie gemeinsam die sechs Stämme, die der Vater bereits am Tag von zwei Seiten angeschlagen hatte, umgekippt und den Hang an der Elbleite herunter geschleift, direkt zum Ufer.

Jetzt leuchtete der Vater mit dem abgeblendeten Licht am Bug des Floßes aufs Wasser des Stroms. So lang sie unterhalb des Sonnensteins waren und dann zwischen Pirna und dem Dörfchen Copitz hindurchfuhren, hatte er die Lampe bedeckt gehalten. Der Onkel hatte das Floß mit dem langen Staken direkt in die Mitte des Stroms getrieben, damit sie in der Dunkelheit nicht mit einem der Anleger oder einem daran festgemachten Schiff zusammenstießen. Es wäre nicht das erste Mal, wie Matz wusste. Vor zwei Jahren hatten Vater und Onkel ein Floß am Pirnaer Fähranleger aufgeben müssen. Mit knapper Not war es ihnen schwimmend gelungen, sich außerhalb der Stadtmauern an Land zu retten. Der Zusammenprall mit der am Ufer vertäuten großen Wagenfähre hatte sie ins Wasser geschleudert. Zu allem Übel war auch noch der Fährmann, der gleichzeitig Wächter des Elbtors war, aus seinem Häuschen gekommen. Wären die beiden beim Holzpaschen erwischt worden, hätte ihnen nicht nur die Haft in der Fronfeste gedroht. Wahrscheinlich hätten sie auch noch ihre rechte Hand verloren, wenn nicht gleich den Kopf. Die reichen Bürger und Grundherren verstanden keinen Spaß, wenn sich jemand an ihrem Holz vergriff.

Matz erinnerte sich, wie die Mutter am nächsten Tag geweint und geschimpft hatte. Ob der Vater sie samt der Kinder als Bettler auf die Landstraße treiben wolle, hatte sie geschrien. Aber in diesem Jahr hatte sie sogar zugestimmt, dass Vater und Onkel ihn, ihren Ältesten, mit auf die gefährliche Fahrt nach Dresden nahmen. Das, was ihnen nach Abzug der Pacht und aller Abgaben auf ihrem kleinen Hof zum Leben blieb, würde nicht reichen, um ohne Hunger über den Winter zu kommen. Nicht, nach dem späten Frühlingsanfang, den Unwettern im Frühsommer und den Heuschrecken, die schließlich den ganzen Gemüsegarten kahl gefressen hatten.

Trotz der Sorge seiner Mutter verspürte Matz keine Angst. Er war stolz und froh, dass die Männer ihn endlich mitgenommen hatten. Schließlich war er bereits vierzehn. Auf dem Feld und im Garten arbeitete er längst wie ein Mann. Und in dieser Nacht würde er endgültig beweisen können, was in ihm steckte.

Soeben waren sie an der Braudenfurt vorbeigetrieben. Er hatte seinen Staken nach den Anweisungen des Onkels gehandhabt. Die Stromschnellen waren gefürchtet, aber er wusste, dass der Onkel den Fluss kannte.

„Gut gemacht, Matz! Noch ein paar Pascherfahrten, dann weißt du selbst wie´s geht.“

Das Lob Onkel Ulrichs half besser gegen die feuchte Kälte, als ein warmer Umhang.

Vorsichtig stakte der Onkel das Floß an einem Haufen Treibgut aus Zweigen, Ästen und Brettern vorbei. Auch ein Zusammenstoß mit einem schwimmenden Hindernis konnte gefährlich werden. Matz stieß den Atem aus, den er unwillkürlich angehalten hatte, während das Floß dicht an dem wirren Haufen vorbeiglitt. Doch dann stutzte und starrte angespannt in die Dunkelheit. Hatte sich da nicht etwas in dem Treibgut bewegt? Vielleicht nur ein Wasservogel, überlegte er, der die Ansammlung als bequemen Schlafplatz nutzte. Aber dann war er plötzlich ganz sicher.

„Vater, Onkel Ulrich! Da treibt ein Mensch im Wasser! Ich hab eine Hand gesehen“, flüsterte er aufgeregt. „Ganz deutlich!“

„Schnell weiter“, drängte der Vater. „Es darf uns keiner bemerken, das weißt du doch.“

„Ach, was? Halt an!“, forderte der Onkel und stieß den Staken fest in den Flussgrund. Sofort tat Matz am Heck es ihm gleich. Schaukelnd kam das kleine Wasserfahrzeug zum Stillstand. Doch die Strömung drückte gegen die Staken, sodass die Männer es nicht lange halten konnten. Langsam trieb der Holzhaufen wieder auf sie zu.

„Was soll das, Ulrich? Du bringst uns in Gefahr“, mahnte der Vater.

„Lass uns wenigstens nachsehen, ob was dran ist. Einer, der mitten in der Nacht im Strom schwimmt, ist ganz bestimmt tot. Aber wer weiß, vielleicht hat er was von Wert dabei. Nützt ihm jetzt eh nix mehr.“ Der Onkel schob seinen Staken zwischen die Äste und hielt so die Verbindung zwischen Floß und Treibgut. Seine Stimme klang aufgeregt: „Matz hat Recht, da ist wirklich einer. Rührt sich nicht – wie ich gesagt hab.“

Da spürte Matz, wie die Strömung seinen Staken beiseite drückte, so sehr er sich auch dagegenstemmte. Onkel Ulrich bemerkte es auch.

„Geh nach vorn zu deinem Vater, Junge. Versucht das Gleichgewicht zu halten, während ich den Kerl aufs Floß ziehe.“

Matz kroch vorsichtig auf allen Vieren über die glitschigen Stämme, die bedrohlich schwankten. Flusswasser schwappte über seine Hände und Knie. Als er den Vater erreicht hatte, klapperten seine Zähne vor Kälte und Aufregung. Mit den Staken und ihren Körpern versuchten sie, das Floß stabil zu halten, während der Onkel, vor Anstrengung keuchend, den Mann aus den Ästen befreite und zu ihnen herüber zerrte. Einen atemlosen Augenblick lang schien es, als würde das Floß doch noch umschlagen und sie alle mit sich in den Fluss reißen. Dann hatten sie es geschafft!

Während das Floß ungehindert weiter elbabwärts trieb, saßen die drei Menschen still. Sie warteten, bis sich ihre hämmernden Herzen beruhigt und sich ihr Atem wieder normalisiert hatte.

„Verdammt, Ulrich! Das war knapp. Hat sich hoffentlich gelohnt, dass wir grad um ein Haar ersoffen wären“, flüsterte der Vater wütend. Dann ließ er das Licht der Lampe über den reglosen Körper gleiten – ein großer, schlanker Mann, noch jung. Das Gesicht leuchtete gespenstisch weiß, die Augen waren geschlossen, das lange Haar klebte nass am Schädel. Die Stirn verunstalktete eine breite Platzwunde.

„Der ist schon eine Weile im Wasser. Ob er von einem Schiff gefallen ist?“, überlegte der Onkel.

„Den hat wohl eher einer über Bord gestoßen. Schau mal hier.“ Der Vater deutete auf die rechte Seite des Mannes. Da waren Wams und Hemd zerschnitten. Die Haut über den Rippen klaffte auseinander. Aus der Wunde sickerte noch ein wenig Blut. „Den wollte jemand loswerden, ganz klar.“

„Vielleicht lebt er doch noch“, sagte Matz leise.

„Ach was. Und selbst wenn, der wird nicht wieder.“ Der Onkel winkte ab. „Aber seine Stiefel, die sind aus ordentlichem Leder. Und das Wams – das ist gutes Tuch.“ Er befingerte den nassen Stoff und nickte zufrieden.

Matz holte Luft. Es schien ihm nicht Recht, was sie hier taten.

Da fühlte er die feste Hand des Vaters auf seiner Schulter. „Dir ist doch klar, dass wir nichts für ihn tun können? Rein gar nichts!“

Matz nickte bedrückt. Der Vater hatte Recht. Selbst wenn der Mann noch lebte – sie konnten sich jetzt unmöglich mit einem Schwerverletzten belasten. Das würde sie alle in Gefahr bringen.

Der Onkel legte sein Ohr auf die Brust des Mannes und griff nach dessen Hand. „Also ich hör und fühle nichts. Da ist kein Herzschlag mehr und auch kein Puls. Der ist mausetot, glaub mir, Matz.“

Der Vater und der Onkel tauschten noch einen Blick, dann zerrten sie dem Toten die Stiefel von den Füßen und schälten ihn aus seinem Wams. Dabei bewegten sie sich so wenig wie möglich, um das schwierige Gleichgewicht auf dem Floß nicht zu gefährden.

„Na sieh mal, was wir da haben.“ Der Onkel zog einen kleinen Lederbeutel unter dem Hemd des Mannes hervor und wog ihn zufrieden grinsend in der Hand. „Ich würde mal sagen, schon das allein wiegt alles wieder auf, mein lieber Bruder! Findest du nicht?“ Er reichte den Beutel an den Vater weiter, der kurz hineinsah und nickte.

„Wenn wir es jetzt noch schaffen, die Stämme vor dem Morgengrauen an der vereinbarten Stelle vor Dresden anzulanden, muss diesen Winter bei uns keiner hungern, so wahr uns Gott helfe.“ Die Stimme des Vaters klang, als müsse er sich für die gute Nachricht verteidigen.

„Kommt! Wir schmeißen ihn wieder ins Wasser und dann nix wie weiter Richtung Dresden.“ Der Onkel packte die nackten Füße des Mannes, aber der Vater legte ihm eine Hand auf den Arm.

„Nein, Ulrich. Wir staken rüber ans Ufer. Da hinten, an der Stelle sieht uns bestimmt keiner. Da ist weit und breit kein Haus. Dort laden wir ihn am Schilf im flachen Wasser ab. Morgen wird ihn einer der Viehhirten finden. Soll er wenigstens ein Begräbnis kriegen.“ Die Stimme des Vaters klang rau. „Hat keiner verdient, so als Fischfutter zu enden!“

Mit einem Blick auf Matz nickte der Onkel. „Gut, so machen wir es. Wir legen ihn ganz dicht am Ufer ab, als wäre er angespült worden. Aber rasch jetzt! Es wird bereits heller.“

 

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